Das Gegenstück zu „introvertiert“ heißt natürlich…

nicht „extrovertiert“, sondern „extravertiert“.
Zumindest bei C.G. Jung, der den Begriff geprägt hat, und bei H.-J. Eysenck, der die Persönlichkeitsdimension „Introversion-Extraversion“ in die moderne, empirische Psychologie gebracht hat.
Und bei den Lateinern, bei denen Jung sich bedient hatte. Die kennen zwar „intra“ (innerhalb) und „intro“ (hinein), aber nur „extra“.
Dieses Manko hat die deutsche Alltagssprache nun behoben. Wenn Latein die „späte Rache der Römer an den Germanen“ (Stupipedia) ist, so ist „extrovertiert“ die noch spätere Rache der Germanen an den Römern. Und die Rache der Alltagssprache an der Wissenschaft.
Selbst im Duden steht das O-Wort schon.
Die Wissenschaftler ziehen dazu ein Gesicht wie Günter Grass bei der Rechtschreibreform. Aber sie können sich ja immer noch durch das A-Wort abgrenzen. Und der eng definierte wissenschaftliche Terminus hat ja letztlich auch eine andere Bedeutung als die gekaperte Alltagsversion, die robust und unbekümmert für profane, lautere wie unlautere Alltagszwecke eingesetzt wird. Das gilt für andere Fachbegriffe ebenso. Hier allerdings trennt das a & o Spezialisten und Laien schon auf den ersten Blick.

Ein Gedanke zu „Das Gegenstück zu „introvertiert“ heißt natürlich…

  1. Die aktuelle Bestätigung liefert der Spiegel-Artikel „Kraft der Stille“ (Print Nr. 34, 20.8.12) Man kann schon an der Wortwahl erkennen, dass die beiden prominent zitierten Autorinnen Cain und Löhken wohl keinen einschlägigen wissenschaftlichen Hintergrund haben und die Begriffe (s.o.) möglicherweise auch anders interpretieren als die Experten. Der ebenfalls zitierte Psychologie-Kollege De Young wird seine Probanden höchstwahrscheinlich nicht „Extrovertierte“ genannt haben und auch einen anderen Fragebogen als den abgedruckten verwendet haben.
    Wie in diesem Blogbeitrag geschrieben, geht es ja nicht um billige Terminologie-Kritik an Nicht-Experten. Es geht um ein tiefer liegende Frage der journalistischen Qualität: Wenn man populäre (ungenaue, teils falsche) Laienthesen präsentiert und mit Detail-Zitaten seriöser Wissenschaftler unterfüttert, legt man damit nahe, die Laienvorstellung sei wissenschaftlich fundiert. So fördert man ein verzerrtes Bild wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Öffentlichkeit. (Ich will diese Aussage nicht auf den genannten Spiegel-Artikel beziehen, da ich u. a. die die Bücher der genannten Autorinnen nicht gelesen habe.) Als Leser ebenso wie als interviewter Wissenschaftler stoße ich immer wieder auf diese Verzerrung.
    Ich halte dieses Thema für einen wichtigen Aspekt in der Ausbildung von Journalisten.

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