Oftmals

Oftmals hab ich mich gefragt,
warum wird so oft nicht oft gesagt?

Es scheint mehr und mehr zu verschwinden. Das kleine Wörtchen „oft“. Geschluckt vom umständlich-prätentiösen „oftmals“ wie ein unauffälliger, aber funktionierender Familienbetrieb vom Marketing-getriebenen Konzern.
Paradoxerweise scheint „oftmals“ gerade bei Jüngeren beliebt zu sein. Bei Menschen, die ansonsten knapp und salopp formulieren, die so oft mit 140 Zeichen auskommen müssen.
Mitten im Satz steht da plötzlich diese sprachliche Zinnteller-Vitrine.
So zumindest mein subjektiver Eindruck. Wenn das zutrifft, wie kommt das, was bedeutet das? Ist das nur eine erratische Modeentwicklung ohne tieferen Hintergrund? Ist es die systematische Nutzung einer einfachen Möglichkeit, dem Gesagten einen gehobenen Anschein zu geben?

Dabei ist oft nicht einmal die Verkürzung von oftmals, sondern die vollständige und etablierte Urform (schon im Althochdeutschen „ofto“) mit der Bedeutung „häufig wiederkehrend“. Anders als bei „manchmal“ leistet also der Zusatz „mals“ keinen neuen Bedeutungsbeitrag.  Das Grimmsche Wörterbuch lässt eine Entstehung von „oftmals“ aus Wendungen wie „zum oftern (=öfteren) male“ vermuten. „.. und kusset die jungfrawen zum ofternmal“ wird dort zum Beispiel angeführt. Laut demselben Wörterbuch ist oftmals „jetzt … veraltet und durch das einfache oft, öfter (öfters) wieder ersetzt.“ Ein Wörterbuch von 1910 verzeichnet „oft“ als „üblichere(n) und edlere(n) Ausdruck von beiden“.
Das scheint nicht mehr oft so gesehen zu werden..

Fortschrittsbeschwerden

„Mein Gehirn wurde nach etlichen Fahrten gestaucht, gezerrt und gepresst. … Mein Magen befand sich auch nicht mehr in seiner ursprünglichen Position. Letztendlich, glaube ich, ist er zwischen Herz und Lungenflügel zum Stehen gekommen. … Die Entfernung zwischen Magen und Mund ist nicht mehr allzu lang.“

Weltrekordversuch im Achterbahnfahren? Belastungstest für Kampfjetpiloten?
Nein, dieser Bericht stammt von einem Mann, der Fahrstuhl gefahren ist. Nur in den achten Stock und zurück. Allerdings sechseinhalb Stunden ohne Unterbrechung.
Kein Wunder. Zumal der Mann hätte gewarnt sein können:

Schon vor über 120 Jahren schrieb der Scientific American, dass das Fahrstuhlfahren nur einen Nachteil habe, es verursache „dizziness to the head and sometimes a nausea to the stomach. The internal organs want to rise in the throat“.

Die Elevator Sickness war definiert und wurde in den Jahren nach 1890 anscheinend häufig diagnostiziert. Und zwar keineswegs bei Extremfahrern wie unserem Gewährsmann von 2011, sondern bei gewöhnlichen Gelegenheitspassagieren, wohl auch schon bei einer einzigen Fahrt.

Die Ursache dieser Übelkeit sah man im abrupten Stopp der Fahrt. Dabei kämen nicht alle Körperteile gleichzeitig zum Stillstand. Beim Abwärtshalt etwa stünden die Füße schon still, während die anderen Körperteile noch herabsausten. Messerscharfe Ableitung der Prävention: Kopf und Schultern gegen die Kabinenwand pressen und so sicherstellen, dass alle Körperregionen gleichzeitig anhalten. Man stelle sich den verbissenen Kampf um die Plätze an der Kabinenwand vor, die verzweifelten Gesichter der Verlierer in der haltlosen Mitte.

Nach wenigen Jahren muss man es hinbekommen haben, ungestützt und einigermaßen gelassen auf und ab zu fahren. Jedenfalls wird nicht mehr darüber berichtet. Und auch im Internationalen Diagnoseverzeichnis der WHO scheint die Elevator Sickness nicht gelistet. Was man dort – zumindest indirekt –  finden könnte, ist Elevator Disease. Darunter versteht man Lungenprobleme, die auf die Arbeit in Getreidesilos (grain elevators)  zurückzuführen sind.

Die bemerkenswerte, aber kurze Karriere der Fahrstuhlübelkeit lässt sich wohl nur zum Teil damit erklären, dass die frühen Fahrstühle noch besonders ruppig waren. Fahrstuhlführer waren damals ja keineswegs nur einfache Knopfdrücker (Grüße an Miss Kubelik aus Billy Wilders „The Apartment“). Zumindest in den frühen Jahren hing der Bremsvorgang noch erheblich von ihrem geschickten Umgang etwa mit einer Handkurbel ab.

Interessanter wird es allerdings, wenn man diese „Modekrankheit“ mit dem Problem der psychosozialen Anpassung an neue Technologien in Verbindung bringt. Andreas Bernard, unser wissenschaftlicher Gewährsmann für die Geschichte des Fahrstuhls hat dies getan. Er kann sich dabei etwa auf Wolfgang Schivelbusch berufen, der schon die Probleme der frühen Eisenbahner und Bahnfahrer mit der horizontalen Beschleunigung des neuen Verkehrsmittels als psychischen Gewöhnungsprozess interpretiert hatte.

Welche psychosozialen „Anpassungskrankheiten“ beschäftigen uns heute? Werden wir morgen amüsiert zurückblicken auf Phänomene wie „Elektrosmog“, „Burnout“, „Internetsucht“,…? Oder werden wir sie gar vergessen haben wie die Fahrstuhlbeschwerden?

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American Scientist (1890), 63, p. 17.
Zitiert nach:
Andreas Bernard (2006). Die Geschichte des Fahrstuhls. Über einen beweglichen Ort der Moderne. Fischer.
Wolfgang Schivelbusch (1977). Die Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialiserung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert. Hanser

Poetry Spam – Catch of the Day 7

in einem leben
es ist eine menge
schwierigkeiten
und probleme
gewisse probleme
ich versandpreis
ihr chef
gibt ihnen
eine harte
zeit ist einen neuen job
zu bekommen
bitte rufen sie
uns
in den USA
neu!