Infra-normal

Paris_VI_place_Saint-Sulpice

Quelle: wikimedia

Paris, 18. Oktober 1974. Der Schriftsteller Georges Perec sitzt an der Place Saint-Sulpice und notiert, was geschieht, wenn nichts geschieht. Drei Tage lang.

Ein Reisebus, leer. Ein Frisé, der aus einem Einkaufskorb lugt.  Die Buchstaben KLM auf einer Tasche. Alle Ziffern auf dem Platz. Alle Gesten. Perec notiert, was er anderswo „infra-ordinaire“ nennt. Das was unterhalb unserer gewöhnlichen Wahrnehmung liegt.

Vierzig Jahre später setzt sich die Radiojournalistin Nicole Paulsen mit einer Freundin an denselben Platz, um das Experiment zu wiederholen. Wie Perec notieren sie penibel, was sich ereignet, wenn sich nichts ereignet. „Ein junger Mann, kariertes Jackett, Schiebermütze, er fotografiert, liest ein Buch und schaut wieder auf den Platz. Literaturstudent?“ Das Buch ist von Perec. Der junge Mann wiederholt Perecs Bestandsaufnahme ebenso wie die beiden Frauen. Wie auch ein blonder junger Mann mit Moleskine, eine rotblonde Frau mit Kuli und Fotoapparat, eine „Frau im schwarzen Trench mit Macbook, Aufnahmegerät und Camcorder“, eine …

Alle sitzen an der Place Saint-Sulpice und beobachten einander, wie sie einander beobachten. Nur wegen Georges Perec.

So hat Perec, der nur beobachteten wollte, was sich ereignet, wenn sich nichts ereignet, doch noch ein Ereignis geschaffen.

Für „SIE“

Für"SIE"Kein Platz mehr in deutschen Kommunen?
Hier in bester Innenstadtlage ist ein Platz reserviert.
Für “SIE”!
Die Anführungszeichen werfen allerdings Fragen auf.
Meint man mit “SIE” jemanden, dem man seinen seltsamen Wunsch gesiezt zu werden mit ironischem Unterton erfüllt?
Oder meint man ebenso ironisch einen früheren “ER”, der nun darauf besteht eine “SIE” zu sein?
A”SIE”lanten wird man nicht gemeint haben. Da passt ja schon das Wort nicht auf den Deckel.

Minnesotouch

Neulich an einem Fahrkartenautomaten in Minnesota.
Eine ältere Dame schiebt viele kleine Münzen für ein Ticket in den Automaten. Wieder und wieder. Denn sie ignoriert den schönen Touchscreen und benutzt stattdessen den klobigen mechanischen Geldrückgabeknopf als Enter-Taste. Wieder und wieder.
Da in Minnesota aber immer alle zusammen helfen, kommt doch endlich alles an seinen Platz. Das Geld bleibt im Kasten, und die Dame kann in die Bahn.
Und der Interface-Designer? War mal wieder nicht da. Die Prärie ist bekanntlich weit. Und letztlich ist es mit dem Interface wie mit der Prärie: In der der großen Fläche zieht schon die kleinste Erhebung große Aufmerksamkeit auf sich

Pinkeln Sie Punkte?

Toiletten-Gutschein


Wer an der Autobahn für 70 Cent pinkelt, kann für 50 Cent Kaffee trinken.
Wer fünfmal pinkelt, hat schon einen schönen Espresso beisammen.

Man kann gar nicht so viel müssen, wie man dürfen möchte.

Stille Teilhaber

Lugeck 4

Ein schönes Haus besitzt die Bausparkasse Wüstenrot am Wiener Lugeck.

Mit dem Bausparen ist es ja wie bei einem Flugzeugnotfall. Erst muss sich der Erwachsene mit der Sauerstoffmaske sichern, dann erst kommt das Kind. Erst muss die Bausparkasse schön wohnen, dann kommt der Bausparer.

Da die Bausparkasse mit dem Geld der Bausparer arbeitet, muss sie es gut anlegen. Etwa indem sie einen Teil des herrschaftlichen Gebäudes an eine Almvariante der Ballermann-Disko untervermietet. Die und deren ausgelassene Besuchermassen beleben nun die nächtlichen Gassen in nie gekannter Weise. Die anwohnenden Bausparer werden derart großzügig mit einbezogen, dass sie keine Nacht mehr schlafen wollen. Nachts sitzen sie zitternd in ihren Betten, tagsüber taumeln sie mit hängenden Lidern zu Anwohnerversammlungen oder zu ihrer Bausparkasse um eine ruhigere Wohnung zu finanzieren.

Auterrorisierung

Martin Sonneborn schickt eine Interview-Anfrage an die Deutsche Bank. Er möchte über Macht, Finanzkrise, Hedgefonds, Millionengehälter der Bänker sprechen. Die Bank schickt ihm gleich das ganze Interview mit allen Antworten. Allerdings auf ganz andere Fragen.

Genialerweise fragt Sonneborn nun nicht investigativ nach, sondern geht hin und und realisiert das vorgeschriebene Interview Wort für Wort mit dem Kommunikationsmitarbeiter der Bank. Sagt vor, wenn der den Text nicht wörtlich bringt, spricht mit, wenn er ihn bringt. Zum Brüllen komisch. Aber nicht nur.

Man könnte sagen, ein Unternehmenskommunikator, der sich selbst interviewt, nimmt das „kommun“, das Gemeinsame, aus der Kommunikation. Allerdings kommuniziert er ja doch, wenn auch auf einer impliziten Ebene: Spiele mit bei meiner Simulation, sonst bekommst du gar kein Interview mit meinem begehrten Unternehmen.

Unter dem Titel „Wir alle spielen Theater“ hat Erving Goffman beschrieben, wie Menschen fortwährend versuchen, den Eindruck, den sie auf andere machen, in ihrem Sinne zu kontrollieren. Die Sozialpsychologie hat das in einem ganzen Forschungsgebiet „Impression Management“ belegt. Dass Unternehmen ihr Bild in der Öffentlichkeit zielgerichtet steuern wollen, ist selbstverständlich und professionell. Dass dabei Grenzüberschreitungen nicht nur arrogant, sondern dumm weil kontraproduktiv sind, zeigt die vorgeschriebene Interview-Simulation der DB.

So absurd das Ergebnis ist, es steht doch auch für einen allgemeinen Trend. Journalisten leiden zunehmend unter einem Autorisierungswahn. Nicht nur Unternehmen, auch Politiker, Agenten der A-, B- und C-Promis, selbst Privatpersonen scheinen regelmäßig sich am liebsten selbst interviewen zu wollen. Die wenig souveräne Inszenierung beginnt beim Diktat der zugelassenen Fragen, setzt sich fort mit einem Aufpasser bei der mündlichen Darbietung, um dann post festum zuverlässig in einer Zurechtschreibung des tatsächlich Gesagten zu enden. Die Journalisten mühen sich nach Kräften, dem zu widerstehen, doch der Druck ist da.

Das bisschen was ich lese, schreibe ich mir selbst.
Soll Tucholsky geschrieben haben. Überprüfen kann ich das nicht. Ich lese ja nur Selbstgeschriebenes.

 

Tiergestützte Sprachpädagogik

Familie im Café. Vater zu präpubertärer Tochter:
Wenn de dit noch einmal sachst, dann landen deene Fische inne Kanalisation. Sowat sacht ma nich.”
Mutter: „Dann landen die im Klo.”
Vater: „So.”