Infra-normal

Paris_VI_place_Saint-Sulpice

Quelle: wikimedia

Paris, 18. Oktober 1974. Der Schriftsteller Georges Perec sitzt an der Place Saint-Sulpice und notiert, was geschieht, wenn nichts geschieht. Drei Tage lang.

Ein Reisebus, leer. Ein Frisé, der aus einem Einkaufskorb lugt.  Die Buchstaben KLM auf einer Tasche. Alle Ziffern auf dem Platz. Alle Gesten. Perec notiert, was er anderswo „infra-ordinaire“ nennt. Das was unterhalb unserer gewöhnlichen Wahrnehmung liegt.

Vierzig Jahre später setzt sich die Radiojournalistin Nicole Paulsen mit einer Freundin an denselben Platz, um das Experiment zu wiederholen. Wie Perec notieren sie penibel, was sich ereignet, wenn sich nichts ereignet. „Ein junger Mann, kariertes Jackett, Schiebermütze, er fotografiert, liest ein Buch und schaut wieder auf den Platz. Literaturstudent?“ Das Buch ist von Perec. Der junge Mann wiederholt Perecs Bestandsaufnahme ebenso wie die beiden Frauen. Wie auch ein blonder junger Mann mit Moleskine, eine rotblonde Frau mit Kuli und Fotoapparat, eine „Frau im schwarzen Trench mit Macbook, Aufnahmegerät und Camcorder“, eine …

Alle sitzen an der Place Saint-Sulpice und beobachten einander, wie sie einander beobachten. Nur wegen Georges Perec.

So hat Perec, der nur beobachteten wollte, was sich ereignet, wenn sich nichts ereignet, doch noch ein Ereignis geschaffen.

Mehr als nur das längste Palindrom – Der Schriftsteller Georges Perec, geb. 7.3.1936

Perec

cc Parisette

Georges Perec hat das vermutlich längste Palindrom der Welt verfasst, einen Text aus 1247 Wörtern, der sich vorwärts wie rückwärts buchstäblich identisch liest. Auch wenn die literarische Qualität dieses bedeutenden französischen Autors weit über solche Kabinettstücke hinausgeht, sind sie doch auch typisch für sein Werk.

Als Mitglied von Raimond Queneaus literarischer Gruppe Oulipo („Werkstatt für Potentielle Literatur“) unterwarf er seine Werke häufig strengen formalen Zwängen. So kommt der längere Roman „La Disparation“ („Anton Voyls Fortgang“) komplett ohne den häufigsten Buchstaben, nämlich das „e“ aus. Eine Herausforderung auch für den deutschen Übersetzer, der es ihm gleich tun musste.

Besonders komplex ist die Konstruktion seines Hauptwerkes „La Vie  mode d‘ emploi“ („Das Leben eine Gebrauchsanweisung“). Hier erzählt er die Geschichte eines großen Pariser Hauses, indem er wie der Springer beim Schach von einer Wohnung zur nächsten wechselt und so eine Vielzahl unterschiedlicher Geschichten verknüpft. Im Mittelpunkt steht allerdings ein Bewohner mit einem strengen Lebensplan. Erst lernt er zehn Jahre Aquarellmalerei. Dann geht er zwanzig Jahre auf Weltreise. Dabei malt er fünfhundert Hafenansichten und lässt sie von einem Puzzle-Hersteller zersägen. Wieder zuhause setzt er die Puzzles zusammen und lässt das Holz hinter dem Papierbild entfernen. Schließlich wird jedes Aquarell genau zwanzig Jahre nach seiner Entstehung wieder im Wasser seines Ursprungshafens aufgelöst. Übrig bleibt nur das Papier, das wieder nach Paris geschickt wird. Der  Plan geht nicht ganz auf, unter anderem, weil der Puzzler zu früh stirbt.

Zu früh gestorben ist auch Georges Perec, nämlich 1982 mit erst sechsundvierzig Jahren. Am 7.März 2016 wäre er achtzig Jahre alt geworden.

Der Verlag Diaphanes bringt etliche Werke Perecs in einem schönen kleinen Format auf Deutsch heraus.Unter anderem auch das autobiografische „W oder die Kindheitserinnerung“, das Holocaust und Kinderfantasien, Reales und Erzählkunst auf berührende Weise zusammenführt.