Mutterseelenallein

Mutterseelenallein. So ein schönes deutsches Wort. So viel Seele, so wenig Mutter, so allein wie man nur sein kann.
Nein, wir reden hier nicht über Röttgen und Merkel.

“Nun war das arme Kind in dem großen Wald mutterseelenallein, und ward ihm so angst, dass es alle Blätter an den Bäumen ansah und nicht wusste, wie es sich helfen sollte.” Brüder Grimm, Schneewittchen

So ein schönes deutsches Wort. Deutsches Wort?
Laut Wikipedia stammt mutterseelenallein aus dem Französischen. Hugenottische Immigranten sollen sich in Berlin so einsam gefühlt haben, dass sie häufig “moi tout seul” geseufzt haben sollen. Die Eindeutschung “mutterseel” soll durch das angehängte “allein” sicherheitshalber eindeutig gemacht worden sein.

Nun werden die Hugenotten ja für alles Mögliche verantwortlich gemacht. Früher in Frankreich für ketzerische Konspiration, heute in Deutschland für  - “gefühlt” – jedes zweite Wort mit schwer erkennbarer Etymologie. In der Radiosprechstunde des Namenforschers Udolph führen nicht wenige Hörer ihren Familiennamen auf einen schicken Hugenottenstammbaum zurück. So auch Herr Piffrement, der seinen Namen folgerichtig französisch aussprach. Doch Professor Udolph enttäuscht mit einer Herleitung von “Pfefferminz”. Wie Herr Piffrement heute seinen Namen ausspricht, ist mir leider unbekannt. Er mag sich damit trösten, dass der Volksmund auch den berechtigten Träger eines französischen Namens nicht immer standesgemäß behandelt. Wie in der kurpfälzischen Arztpraxis, als die Sprech(!)stundenhilfe in den Warteraum rief: “Frau Lahmarsch bitte!” und eine empörte Dame aufsprang und zischte: “Das heißt La Marche! Frau La Marche bitte!”

Einen besonders bemühten Versuch, ein deutsches Wort mit französischem Stammbaum zu versehen, bietet “Pumpernickel”. Angeblich benannten napoleonische Soldaten ihre schwer verdauliche Brotkost nach Napoleons Pferd  (c’est) “bon pour Nickel”. Ob “Geschichten vom Pferd” sich hiervon ableiten lassen? Jedenfalls hat Pumpernickel schon eine lange deutsche Vorgeschichte als Kobold, als grober Kerl und als grobes Brot.

Der Mensch ist ein Sinnsucher. Erklärungen für Unverständliches zu finden und dazu noch schöne Geschichten zu erfinden, zeugt von Intelligenz und Kreativität. Der Sprachkritiker Fritz Mauthner nannte das vor 100 Jahren “Volksetymologie”. Die wissenschaftliche Etymologie hat es da weniger leicht. Sie kann nicht die interessanteste, nächstliegende, dem Interpreten angenehmste Lösung nehmen, sondern muss tiefer graben.

Bei mutterseelenallein stellt sich dann heraus, dass etwa “mutterallein” schon  vor den Hugenotten in Deutschland war. “Er het etwas mueterallain mit dem künig zue reden”, zitiert etwa Grimms Wörterbuch Aventins Bayerische Chronik von 1522. Nein, wir reden hier nicht über Röttgen und Merkel.
Neben mutterallein gibt es auch ein “mutternackt”, also so bloß wie im Mutterleibe oder aus diesem gekommen. Entsprechend wird auch mutterallein gedeutet. Das Wörterbuch interpretiert mutterseelenallein denn auch als Verstärkung von mutterallein durch “mutterseele”. “Seelenallein” gilt wiederum als Verkürzung von mutterseelenallein.

Wissenschaftlich steht Wikipedia also “mutternackicht” da. Volksetymologisch natürlich tipptopp. Und: “Se non è vero, è ben trovato”. Wie der Hugenotte sagt.

Selbst die Bezeichnung “Hugenotten” soll sich übrigens aus dem Deutschen – “Eidgenossen” – herausgebildet haben.

Poetry Spam – Catch of the Day 3

sie glücklich machen heute
5 große hunde im bett
posieren weich
und wirksame pflanzliche medizin
ihre reparatur
der reproduktiven gesundheit
das vegetative wirkung
und angenehmer stärkende wirkung
schnappen sie sich eine kreditkarte
und gehen sie für ihren traum!

Coxcomb

Ein altes englisches Schimpfwort, das sich auch im “Shakespeare Insult Kit” findet.
Wörtlich “Hahnenkamm”, im Mittelalter zunächst als – nahe liegende –  Bezeichnung für die Narrenkappe, dann für den Narren selbst verwendet. Spätestens das gleichnamige Theaterstück von Beaumont and Fletcher aus dem frühen 17.Jahrhundert zeigt eine Bedeutungsverschiebung hin zum eitlen, hohlen, selbstgefälligen Fatzke. (Vgl. auch  ”Jeck” und “Geck” im Deutschen.)

Samuel Pepys stößt in seinem Umfeld – Königlicher Hof und Flottenamt im London der 1660er Jahre – immer wieder auf Prachtexemplare dieser Spezies “Coxcomb” und verewigt sie in seinen wunderbaren  Geheimen Tagebüchern:
“Like an ignorant illiterate coxcomb”
“But a vain coxcomb I perceive he is though he sings and composes well.”
Und besonders schön weil wortvergessen:
“Mr. Wiles the coxcomb whom I saw heretofore at the cockfighting…”
Also ganz wörtlich “Der Hahnenkamm, den ich zuvor beim Hahnenkampf gesehen hatte…“
Vergleichsweise aktuelle Musik dazu:
Carly Simon, You’re so Vain.

Euthanasie und Euphemismus

http://www.tagesspiegel.de/berlin/vor-der-neuen-nationalgalerie-gelogene-wahrheit-ueber-gerhard-richters-tante-marianne/6526736.html

Diese Unschärfe hatte Gerhard Richter dann wohl doch nicht gemeint.

Als Heimweh noch tödlich war

 Im aktuellen Spiegel-Titel über “Heimat” kommt auch das “Heimweh” vor.
Den Journalisten Freddie Röckenhaus soll es gar so stark überkommen haben, dass er aus dem schönen und mondänen Hamburg wieder zurück in seine Heimatstadt Dortmund zog und von da gar nicht mehr weg will.
Das scheint uns weltläufigen Mobilitätsartisten schon ein ordentliches Heimweh
zu sein.
Doch früher war alles noch viel schlimmer. Früher war Heimweh eine echte Krankheit, die auch tödlich enden konnte.
Und wer hat’s erfunden?
Die Schweizer natürlich. Mitte des 16. Jahrhunderts berichtet ein Schweizer Heerführer von einem Söldner “gestorben von heimwe” (1).
1678 veröffentlichte der Schweizer Arzt Johann Hofer seine Dissertation “De Nostalgia oder Heimwehe”. Nebenbei hat er damit auch das Kunstwort Nostalgie geprägt, das wir heute eher im zeitlichen Sinne als Sehnsucht nach der Vergangenheit verstehen.
Der Mediziner ging mit seiner Arbeit ein ernsthaftes Problem an: Tatsächlich litten etliche Schweizer Söldner im Ausland so schwer an Heimweh, dass sie, wenn sie nicht desertierten, ernsthaft erkrankten und teils auch starben. Besonders befeuert wurde diese Krankheit durch das Singen und Spielen des heimischen “Kuhreihens”. Die Offiziere sahen sich schließlich gezwungen, diese Musik unter Androhung der Todesstrafe zu verbieten.
Auf der Suche nach der Ursache dieser “Schweizerkrankheit” verfolgte die Wissenschaft diverse Hypothesen. Eine davon machte die “unreine” Luft in den engen Schweizer Tälern verantwortlich. (Litt Dortmund nicht auch einmal unter schlechter Luft?). Als man die Heimweh-Krankheit jedoch auch an der See nachwies, musste man neu ansetzen.
Mit Verbrechen aus Heimweh befasste sich 1909 Karl Jaspers. Er unterzieht die Straftaten “entwurzelter” junger Mädchen, die von den gesellschaftlichen Umwälzungen vom Land in die Städte getrieben worden, waren, einer psychologischen Analyse. (Vielleicht die einzige Dissertation, die als Theaterstück eingerichtet wurde.)
Möglicherweise lindern unsere heutige Lebensweise, unser Selbstverständnis, die Möglichkeiten des physischen wie des virtuellen Reisens Ausbruch und Folgen des Heimwehs. Etwas Heimweh bleibt wohl immer. Und sei es nach einer Heimat, in der wir nie waren (Ernst Bloch).
So angenehm melancholisch kann es natürlich nur aus einer saturierten Position voller Entscheidungsfreiheit enden. Für die vielen Flüchtlinge auf unserem Globus dürfte das Heimweh nach wie vor eine existenzielle Sache sein.

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(1) Zitiert nach Gröf, D. ” Diagnose Heimweh”, S. 90.

Zeitraffgierig

“Der Arzt wollte mir ein Vierundzwanzig-Stunden-EKG verordnen.
Das war mir zu lang.


Mein Heilpraktiker hat das in zwanzig Minuten gemacht.”
Strahlende Gesundheitskonsumentin