Stille Teilhaber

Lugeck 4

Ein schönes Haus besitzt die Bausparkasse Wüstenrot am Wiener Lugeck.

Mit dem Bausparen ist es ja wie bei einem Flugzeugnotfall. Erst muss sich der Erwachsene mit der Sauerstoffmaske sichern, dann erst kommt das Kind. Erst muss die Bausparkasse schön wohnen, dann kommt der Bausparer.

Da die Bausparkasse mit dem Geld der Bausparer arbeitet, muss sie es gut anlegen. Etwa indem sie einen Teil des herrschaftlichen Gebäudes an eine Almvariante der Ballermann-Disko untervermietet. Die und deren ausgelassene Besuchermassen beleben nun die nächtlichen Gassen in nie gekannter Weise. Die anwohnenden Bausparer werden derart großzügig mit einbezogen, dass sie keine Nacht mehr schlafen wollen. Nachts sitzen sie zitternd in ihren Betten, tagsüber taumeln sie mit hängenden Lidern zu Anwohnerversammlungen oder zu ihrer Bausparkasse um eine ruhigere Wohnung zu finanzieren.

Selfie-Grab

Fernand Arbelot

Fernand Arbelot

Grab des Fernand Arbelot auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise.
Die Skulptur erfüllt ihm seinen Wunsch, für immer in das Antlitz seiner Frau zu sehen.

Gut möglich, dass das Selfie-Zeitalter uns bald die Variante mit Smartphone in den Händen beschert. Und das Startup mit der passenden Find-a-Grave-App wird dann auch nicht lange auf sich warten lassen:

Das Smartphone erkennt, wann man sein finales Selfie schießt, gibt automatisch den Druckauftrag an den friedhofseigenen 3D-Drucker und benachrichtigt den Amazon-Rücknahme-Dienst. Der liefert die Leiche direkt in die von Google berechnete freie Grabstelle. 3D-Selfie-Skulptur drauf. Fertig.
Eingehende Facebook-Likes können fortlaufend am Fußende abgelesen werden.

 

Blass und unvergessen. Ein Dichter in Darmstadt.

Arno Schmidt

In diesem Hause lebte der Schriftsteller.

Wer sich viel Mühe gibt, findet auch heraus welcher. Es war Arno Schmidt, der von 1955 bis 1958 in der Darmstädter Inselstraße 42 wohnte. Hier schrieb er auch “Tina oder über die Unsterblichkeit“. In der Kurzgeschichte gelangt der Ich-Erzähler durch einen versteckten Zugang in einer Litfaßsäule in die Unterwelt. In diesem nicht ganz so idealen “Elysium” unter Darmstadt müssen  die  toten Dichter so lange verweilen, bis  auf Erden auch die letzte Spur ihres Namens verschwunden ist. Dann erst dürfen sie ins Nirwana und ”endlich in Ruhe tot sein”.
So gesehen ist das Schild mit dem verblassenden Namen möglicherweise ganz im Sinne des Verblichenen. Ein kleiner Schritt ins erlösende Nirwana.

Doch die Darmstädter können auch anders. Etwa die Kommunikationsdesigner der Hochschule Darmstadt, die zum hundertsten Geburtstag des Meisters die inspirierende reale Litfaßsäule vor dem Dichterhaus ein Jahr lang kreativ umgestalten wollen. Zur Eröffnung gab es bereits eine kleine Feier an der Litfaßsäule. Natürlich wurde der Name wieder und wieder genannt. Zur Stärkung reichte man Linsensuppe. Ein älteres Passantenpaar wollte diese Suppe allerdings – freundlich aber bestimmt – keinesfalls essen, denn der Schmidt habe Darmstadt so schlecht gemacht, damals.

So bleibt Arno Schmidt trotz des blassen Schildes auf die eine oder andere Art unvergessen und wird wohl noch eine ganze Weile auf Erlösung warten müssen. In der Darmstädter Unterwelt.

“Wenn ich tot bin, soll mir mal einer mit Auferstehung oder so kommen: ich hau ihm eine rein.”

Arno Schmidt
(in Brand’s Haide)

An den hundertsten Geburtstag des Alten von Bargfeld am 18.1.2014 erinnert die Arno-Schmidt-Stiftung mit etlichen Veranstaltungen. Dazu gehört auch ein Projekt von Kommunikationsdesignern der Hochschule Darmstadt. Das befasst sich mit der Litfaßsäule vor Schmidts ehemaligem Wohnhaus in der Darmstädter Inselstr 42, die auch im Werk des Autors eine Rolle spielt.
Los geht’s am  Dienstag, 21.01.2014, 17.00 Uhr an besagter Litfaßsäule.

Wussten Sie dass Prinz Philip von der Südsee-Insel Tanna stammt?

Diese Frage stellt eine Gruppe traditioneller Melanesier auf ihrer Reise durch das heutige Großbritannien immer wieder.

Die wunderbare TV-Dokumentation von 2007  begleitet die Gruppe auf Ihrer Suche nach Prinz Philip. Als Anhänger eines Cargo-Kults halten sie Prinz Philip für den Sohn eines Berggeists, der über den Ozean gegangen ist, um eine mächtige Frau zu heiraten. Eines Tages, heißt es, wird er zurück kehren, um seine Leute in eine bessere Zukunft zu führen.

Das ist schon eine Geschichte für sich. Das Spannende an dem Film ist allerdings der fremde Blick, den die Besucher auf das westeuropäische Leben werfen. Die Fragen, die sie ihren Gastgebern aus sehr unterschiedlichen Milieus zu deren Lebensweise stellen, geben auf sehr fundamentale Weise zu denken. Eine filmische Umsetzung des berühmten Papalagi-Büchleins von 1920.

Zu sehen diese Woche bei arte TV bzw. arte+7.

Idole und Lumpen

“Ohne Eintrittskarte kommen Sie hier nicht herein!”
Saalordner zu André Heller, der zu seinem eigenen Konzert durch den Zuschauereingang wollte.
Hellers Begleiter: “Aber das ist doch Herr Heller!” “Das ist mir egal. Ohne Karte kommt er hier nicht rein.”

Der unerbittliche Saalordner mag vielleicht gar keine genaue Vorstellung von der Heller’schen Erscheinung gehabt haben. Aber nicht selten führt eben die genaue Vorstellung vom Aussehen des Idols zum selben Problem.

“Ein Lump sind Sie. So sieht der Beethoven nicht aus!”
Polizist, der den Spaziergänger Beethoven als vermeintlichen Vagabunden festhielt.

Auch Charlie Chaplin soll bei einem Chaplin-Ähnlichkeitswettbewerb nur den dritten Platz erreicht haben.

Belege für die Idee der “zwei Körper des Königs” (Kantorowicz). Der “natürliche, sterbliche” Körper des Idols kann mit der eigenen, “öffentlichen, unsterblichen” Ikone nicht mithalten.

Kein Wunder, dass Garbo und Dietrich sich ganz zurückzogen, als sie glaubten ihrem unsterblichen “Körper” nicht mehr selbst entsprechen zu können. Cher dagegen scheint den Kampf nicht aufgeben zu wollen. Auch Lenins Leichenpfleger arbeiten weiter. Anstrengend.
Einfacher ist es dann doch, den anfälligen natürlichen Körper früh zu verlassen wie James Dean und andere, denen ihr Image nicht mehr in die Quere kommen kann.

Dass die Übergangszeit dabei auch ihre Tücken haben kann, zeigt der Fall Chaplin, dessen Leiche bald nach der Beerdigung gestohlen und gegen hohes Lösegeld eingetauscht werden sollte.