Valentinstag – Geht auch ohne Blumen

Valentinstag. Eine Erfindung der Blumenindustrie?
Nein. Viel älter. Steht in jedem Lexikon.
Valentinstag. Der Liebsten Blumen schenken?
OK, aber früher war das auch mal anders.
Und zumindest vom Procedere her amüsanter. Auch ging es nicht unbedingt um den existierenden Partner.

Im Frankreich und England des 17. Jahrhunderts etwa ermittelte man seine(n) “Valentine” häufig durch Los. Die Männer zogen ein Los aus einer  ”Billet-Box” mit Frauennamen und umgekehrt. Die ermittelten Paare verbrachten dann das Fest am folgenden Tag miteinander.Da die Prozedur meist für jeden zwei Valentines ergab, mussten weitere Verfahren zur Entscheidung her. Die waren wohl regional oder sozial unterschiedlich. Auch zu Duellen soll es gekommen sein.

In den Tagebüchern von Samuel Pepys kann man über zehn Jahre verfolgen, in welchen Varianten man im London des 17.Jahrhunderts seinen Valentinsschatz gewählt hat.
Die Auslosung im Freundeskreis war wohl Standard.
“Es wurden aber nicht nur Namen, sondern auch Sinnsprüche gezogen, was eine neue Mode ist, und die Tochter von Mrs. Pearse zog für mich einen Spruch. Ich habe aber vergessen, wie er lautete. Der meiner Frau lautete: ‘Die überaus Tugendhafte und Schöne’. Sie hefteten ihn sich ebenfalls an oder bildeten Anagramme daraus, was recht amüsant ist.”  (16.2.1667)

Neben dem Losverfahren gab es auch die bewusste persönliche Auswahl, die unter den Eheleuten Pepys offen diskutiert wurde:
“Heute Abend war meine Frau ganz darauf aus, dass wir uns für morgen einen Valentinsschatz aussuchen. Für mich Mrs. Clarke oder Mrs. Pearse, für sie Mr. Hunt oder Captain Ferrer. Ich hatte jedoch keine Lust dazu, weil es beiden Seiten nur Kosten einbringt, mir für meinen Schatz und dem Herren für sie. Ihr gefiel das ganz und gar nicht” (13.2.1662)

Ob der Dissens dazu geführt hat, dass die Wahl der Valentines in den beiden darauffolgenden Tagebuch-Jahren keine Erwähnung findet? In den Jahren danach gab es wohl die Vereinbarung, dass Pepys seine Frau in jedem Fall als Valentine wählte – zusätzlich zu den anderen.

Weniger berechenbar war die Variante, auf die auch Shakespeares Ophelia anspielt:
Tomorrow is Saint Valentine’s day
All in the morning bedtime,
And I a maid at your window,
To be your Valentine.

Dabei musste man die erste Person des anderen Geschlechts, die man am Valentinsmorgen sah, als Valentine akzeptieren. Da wollte man natürlich nicht jeden sehen. Wie Mrs. Pepys, als sie die Handwerker im Haus hatte:
“Am Vormittag kam W. Bowyer, der darauf der Valentinsschatz meiner Frau wurde. Sie hatte (worüber ich mich im Stillen köstlich amüsierte) den ganzen Morgen den Kopf in den Händen verborgen gehalten, um nicht die Maler zu Gesicht zu bekommen, als diese meinen Kaminsims und die Bilderrahmen im Esszimmer vergoldeten. (14.2. 1662).
Ebenso ihr Gatte, der am selben Morgen nicht bei seinem Nachbarn und Kollegen gesehen werden wollte:
“Ich vermied es heute bewusst, mich bei Sir W. Batten blicken zu lassen, weil ich nicht wollte, dass seine Tochter mein Valentinsschatz wird, so wie im vergangenen Jahr. Wir sind nämlich nicht mehr so eng miteinander befreundet, wie früher. (14.2. 1662)

Als man noch gut Freund war, wurde durchaus auch Schabernack mit diesem Zufallsprinzip getrieben:
“Valentinstag. Früh aufgestanden und zu Sir W. Batten begeben. Ich ging aber nicht hinein, ohne zuvor gefragt zu haben, ob es sich bei der Person, welche die Tür öffnete, um einen Mann oder um eine Frau handelte. Mingo (Battens Diener), der dahinter stand, antwortete „eine Frau“ und brachte mich durch die Art, wie er es sagte, zum Lachen. Ich ging dann hinauf und wählte Mrs. Martha als meinen Valentinsschatz (aber nur aus Höflichkeit) und Sir W. Batten meine Frau als den seinen. Danach waren wir sehr vergnügt.” (14.2. 1661)
“Heute früh kam der junge Dick Penn zu uns, weil er Valentinsschatz meiner Frau war, und trat zu uns ins Schlafzimmer. Ich ließ ihn auf meine Seite des Bettes kommen, damit er mir eine Kuss gebe. Doch er bemerkte es und ging auf die andere Seite zu meiner Frau – ein hübscher, stattlicher, aufgeweckter Bursche” (14.2.1665)
Eine anderer junger Bursche brachte gar Selbstgebasteltes ans Bett:
“Heute morgen kam der junge Will Mercer zu meiner Frau ans Bett (ich war schon aufgestanden und kleidet mich an), weil er ihr Valentinsschatz seine wollte. er brachte einen blauen Zettel mit, auf den er selbst in goldenen Lettern sehr hübsch ihren Namen geschrieben hatte, und den meine Frau ihm anheftete. (14.2.1667)

Andererseits bemühte man sich natürlich, den gewünschten Schatz zu sichten und zu sichern:
“Am Morgen wurde ich von Mr. Moore herausgerufen (als meine Frau, die gerade bei mir in meinem Ankleidezimmer war, seine Stimme hörte, zog sie sich an und verlangte von ihm ihr Valentinsgeschenk, weil heute dafür der richtige Tag war)”(14.2. 1660)

Auch der lebenslustige Pepys selbst war ein begehrter Valentinsschatz:
“Danach stand ich auf, wollte ins Amt, doch als ich die Haustür öffnete, stand dort Bagwells Frau. Wir unterhielten uns , und sie gestand mir, sei sei so früh aerschienen in der Hoffnung, mein Valentinsschatz sein zu können, und sie gab mir tatsächlich einen Kuss. (14.2.1665)
Im Jahr darauf ” …erschien Mrs. Pearce, mit meinem Namen als Valentinsschatz am Busen, was mich etwas kosten wird” (15.2.1666)

Und billig war das Ganze tatsächlich nicht. Mit Blumen und Schokoladenherzchen war es jedenfalls nicht getan:
“…zu meiner Base Turner. Sie hatte mir gestern Abend erzählt, sie habe mich als Valentinsschatz gezogen, daher kaufte ich ihr heute in der Neuen Börse ein Paar grüner Seidenstrümpfe, dazu Strumpfbänder, Schuhbänder und zwei mit Jasminduft parfümierte Handschuhe, alles zusammen für 28s.(15.2.1669)
Doch wie im Ringtausch kam Vieles in der Regel auch wieder zurück in den Pepys’schen Haushalt:
William Batten “…hatte gestern nämlich meiner Frau ein halbes Dutzend Handschuhe, ein paar Seidenstrümpfe und Strumpfbänder als Valentinsgeschenk gesandt. (22.2. 1661)
Pepys, der über alle Ausgeben penibelst Buch führte, hätte sicher detailliert belegen können, was bei diesen Tauschgeschenken unterm Strich herausgekommen wäre. “Ich bin diesem Jahr ebenfalls der Valentinsschatz meiner Frau, was mich wohl 5l kosten wird – die hätte ich aber auch sonst für sie ausgeben müssen.” (14.2.1667)

Aber insgesamt wird er den Spaß genossen haben. Die heutige Blumen-Nummer wäre ihm gewiss zu dröge.

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(
Nicht verlinkte deutsche Zitate nach der deutschen Printausgabe)

Bibelleser Mursi?

“Mursi liest dem Westen die Leviten”
So titelte gestern Spiegel Online.
Die Redewendung “Leviten lesen” geht zurück auf christliche Strafpredigten des Mittelalters. Diese griffen insbesondere auf das Dritte Buch Mose (Levitikus) zurück. Also auf die “Satzungen und Gesetze, die der Herr zwischen ihm selbst und den Kindern Israel gestellt hat”. In denen es unter anderem heißt: “Denn ich bin der Herr, euer Gott, der euch aus Ägyptenland geführt hat, dass ihr meine Knechte wäret, und habe euer Joch zerbrochen und habe euch aufgerichtet wandeln lassen”.
Hm. Mohammed Mursi als Leser der Bibel? Der Tora gar? Die traditionelle religiöse Schulung jüdischer Jungen beginnt mit dem Lesen eben dieses Dritten Buch Mose.
Das eröffnet ganz neue Perspektiven für Ägypten und den Nahen Osten.
Doch dies war wohl auch Spiegel Online dann zu kühn.
Und so hieß der Titel denn am Abend “Mursi rechnet mit dem Westen ab”.
Schade eigentlich.

Tegel – Ein Flughafen, ein Wort

Tegel. Tippe ich ins Smartphone.
Ins Wörterbuch übernehmen? Fragt mein Wortvervollständigungsprogramm.
Lohnt sich das noch? Frage ich mich.
Klare Sache: Ein Wort, das man noch gut gebrauchen kann.
Tegel.

Rüstig

Dorothea Viehmann

Dorothea Viehmann

Vor zweihundert Jahren, am 20. Dezember 1812, erschien die erste Auflage der Grimmschen „Kinder- und Hausmärchen”.
In der Vorrede dazu (Kassel, 3. Juli 1819) schreiben die Brüder:
Einer jener guten Zufälle war es, dass wir aus dem bei Kassel gelegenen Dorfe Niederzwehren eine Bäuerin kennenlernten, die uns die meisten und schönsten Märchen des zweiten Bandes erzählte. Die Frau Viehmännin war noch rüstig und nicht viel über 50 Jahre alt. Ihre Gesichtszüge hatten etwas Festes, Verständiges und Angenehmes und aus großen Augen blickte sie hell und scharf. Sie bewahrte die alten Sagen fest im Gedächtnis…

Anfang fünfzig und noch rüstig!
Prima Kompliment für heutige „Best Agers”. Die könnten einen dafür glatt mit dem Golfschläger hauen und dabei noch elegant aussehen.
Allerdings hatte das Wort rüstig durchaus auch einmal die Bedeutung von „fit” und wurde auch für junge Menschen verwendet. Etwa von Goethe, der in „Hermann und Dorothea” einem Pfarrer die Weisheit in den Mund legt „…die rüstige Jugend verspricht ein glückliches Alter”. Doch „Anfang fünfzig und noch fit” würde dem dauer-juvenilen Golfer nicht viel besser gefallen.
Die Gastwirtstochter und Bäuerin Dorothea Viehmann war sicher gut trainiert von lebenslanger harter Arbeit. Wahrscheinlich zu gut. Keine Spur von Work-Life-Balance. Statt Golfschlägern musste sie wohl die Sense schwingen. Und ihre Rüstigkeit war so wenig selbstverständlich wie dauerhaft. Sie starb mit sechzig Jahren vor der Zeit”, also vor dem Erreichen einer heutigen Lebenserwartung, aber auch vor Erscheinen der von ihr weitergegebenen Märchen.
Das Wort rüstig kann inzwischen mit der Sprachentwicklung auch nicht mehr so recht mithalten. Noch findet es für die wirklich Hochbetagten Verwendung, aber ob die fitten Hochbetagten von morgen das noch hören wollen?

Couturig

Was schenkt man jemandem, der schon alles hat?
Ein Wort.
Ein Wort das bisher niemand brauchte bis auf ein paar Fashion-Freaks:
Couturig.
Damit will man wohl sagen, dass ein Kleidungsstück oder ein Kleidungsstil etwas von (Haute) Couture hat. So heißt es in der Textilwirtschaft „couturig doch bezahlbar”.
Nun scheint das Wort immer weitere Verbreitung zu finden. Eine deutsche Chefredakteurin berichtete kürzlich im Radio, Lagerfeld habe ihr ein Kleid auf den Leib geschneidert, das sei einfach couturig”. Nicht nur in den von der Dame betreuten Publikationen wird das Wort wohl immer häufiger an das Publikum gebracht.
Da muss sich das arme „stylisch” aber warm anziehen.
Und wir gehen jetzt mal richtig „cuisinig” essen