Bibelleser Mursi?

„Mursi liest dem Westen die Leviten“
So titelte gestern Spiegel Online.
Die Redewendung „Leviten lesen“ geht zurück auf christliche Strafpredigten des Mittelalters. Diese griffen insbesondere auf das Dritte Buch Mose (Levitikus) zurück. Also auf die „Satzungen und Gesetze, die der Herr zwischen ihm selbst und den Kindern Israel gestellt hat“. In denen es unter anderem heißt: „Denn ich bin der Herr, euer Gott, der euch aus Ägyptenland geführt hat, dass ihr meine Knechte wäret, und habe euer Joch zerbrochen und habe euch aufgerichtet wandeln lassen“.
Hm. Mohammed Mursi als Leser der Bibel? Der Tora gar? Die traditionelle religiöse Schulung jüdischer Jungen beginnt mit dem Lesen eben dieses Dritten Buch Mose.
Das eröffnet ganz neue Perspektiven für Ägypten und den Nahen Osten.
Doch dies war wohl auch Spiegel Online dann zu kühn.
Und so hieß der Titel denn am Abend „Mursi rechnet mit dem Westen ab“.
Schade eigentlich.

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Rüstig

Dorothea Viehmann

Dorothea Viehmann

Vor zweihundert Jahren, am 20. Dezember 1812, erschien die erste Auflage der Grimmschen „Kinder- und Hausmärchen“.
In der Vorrede dazu (Kassel, 3. Juli 1819) schreiben die Brüder:
Einer jener guten Zufälle war es, dass wir aus dem bei Kassel gelegenen Dorfe Niederzwehren eine Bäuerin kennenlernten, die uns die meisten und schönsten Märchen des zweiten Bandes erzählte. Die Frau Viehmännin war noch rüstig und nicht viel über 50 Jahre alt. Ihre Gesichtszüge hatten etwas Festes, Verständiges und Angenehmes und aus großen Augen blickte sie hell und scharf. Sie bewahrte die alten Sagen fest im Gedächtnis…

Anfang fünfzig und noch rüstig!
Prima Kompliment für heutige „Best Agers“. Die könnten einen dafür glatt mit dem Golfschläger hauen und dabei noch elegant aussehen.
Allerdings hatte das Wort rüstig durchaus auch einmal die Bedeutung von „fit“ und wurde auch für junge Menschen verwendet. Etwa von Goethe, der in „Hermann und Dorothea“ einem Pfarrer die Weisheit in den Mund legt „…die rüstige Jugend verspricht ein glückliches Alter“. Doch „Anfang fünfzig und noch fit“ würde dem dauer-juvenilen Golfer nicht viel besser gefallen.
Die Gastwirtstochter und Bäuerin Dorothea Viehmann war sicher gut trainiert von lebenslanger harter Arbeit. Wahrscheinlich zu gut. Keine Spur von Work-Life-Balance. Statt Golfschlägern musste sie wohl die Sense schwingen. Und ihre Rüstigkeit war so wenig selbstverständlich wie dauerhaft. Sie starb mit sechzig Jahren vor der Zeit“, also vor dem Erreichen einer heutigen Lebenserwartung, aber auch vor Erscheinen der von ihr weitergegebenen Märchen.
Das Wort rüstig kann inzwischen mit der Sprachentwicklung auch nicht mehr so recht mithalten. Noch findet es für die wirklich Hochbetagten Verwendung, aber ob die fitten Hochbetagten von morgen das noch hören wollen?

Mutterseelenallein

Mutterseelenallein. So ein schönes deutsches Wort. So viel Seele, so wenig Mutter, so allein wie man nur sein kann.
Nein, wir reden hier nicht über Röttgen und Merkel.

„Nun war das arme Kind in dem großen Wald mutterseelenallein, und ward ihm so angst, dass es alle Blätter an den Bäumen ansah und nicht wusste, wie es sich helfen sollte.“ Brüder Grimm, Schneewittchen

So ein schönes deutsches Wort. Deutsches Wort?
Laut Wikipedia stammt mutterseelenallein aus dem Französischen. Hugenottische Immigranten sollen sich in Berlin so einsam gefühlt haben, dass sie häufig „moi tout seul“ geseufzt haben sollen. Die Eindeutschung „mutterseel“ soll durch das angehängte „allein“ sicherheitshalber eindeutig gemacht worden sein.

Nun werden die Hugenotten ja für alles Mögliche verantwortlich gemacht. Früher in Frankreich für ketzerische Konspiration, heute in Deutschland für  – „gefühlt“ – jedes zweite Wort mit schwer erkennbarer Etymologie. In der Radiosprechstunde des Namenforschers Udolph führen nicht wenige Hörer ihren Familiennamen auf einen schicken Hugenottenstammbaum zurück. So auch Herr Piffrement, der seinen Namen folgerichtig französisch aussprach. Doch Professor Udolph enttäuscht mit einer Herleitung von „Pfefferminz“. Wie Herr Piffrement heute seinen Namen ausspricht, ist mir leider unbekannt. Er mag sich damit trösten, dass der Volksmund auch den berechtigten Träger eines französischen Namens nicht immer standesgemäß behandelt. Wie in der kurpfälzischen Arztpraxis, als die Sprech(!)stundenhilfe in den Warteraum rief: „Frau Lahmarsch bitte!“ und eine empörte Dame aufsprang und zischte: „Das heißt La Marche! Frau La Marche bitte!“

Einen besonders bemühten Versuch, ein deutsches Wort mit französischem Stammbaum zu versehen, bietet „Pumpernickel“. Angeblich benannten napoleonische Soldaten ihre schwer verdauliche Brotkost nach Napoleons Pferd  (c’est) „bon pour Nickel“. Ob „Geschichten vom Pferd“ sich hiervon ableiten lassen? Jedenfalls hat Pumpernickel schon eine lange deutsche Vorgeschichte als Kobold, als grober Kerl und als grobes Brot.

Der Mensch ist ein Sinnsucher. Erklärungen für Unverständliches zu finden und dazu noch schöne Geschichten zu erfinden, zeugt von Intelligenz und Kreativität. Der Sprachkritiker Fritz Mauthner nannte das vor 100 Jahren „Volksetymologie“. Die wissenschaftliche Etymologie hat es da weniger leicht. Sie kann nicht die interessanteste, nächstliegende, dem Interpreten angenehmste Lösung nehmen, sondern muss tiefer graben.

Bei mutterseelenallein stellt sich dann heraus, dass etwa „mutterallein“ schon  vor den Hugenotten in Deutschland war. „Er het etwas mueterallain mit dem künig zue reden“, zitiert etwa Grimms Wörterbuch Aventins Bayerische Chronik von 1522. Nein, wir reden hier nicht über Röttgen und Merkel.
Neben mutterallein gibt es auch ein „mutternackt“, also so bloß wie im Mutterleibe oder aus diesem gekommen. Entsprechend wird auch mutterallein gedeutet. Das Wörterbuch interpretiert mutterseelenallein denn auch als Verstärkung von mutterallein durch „mutterseele“. „Seelenallein“ gilt wiederum als Verkürzung von mutterseelenallein.

Wissenschaftlich steht Wikipedia also „mutternackicht“ da. Volksetymologisch natürlich tipptopp. Und: „Se non è vero, è ben trovato“. Wie der Hugenotte sagt.

Selbst die Bezeichnung „Hugenotten“ soll sich übrigens aus dem Deutschen – „Eidgenossen“ – herausgebildet haben.