Sign o’ the Times

Die New York Times enthüllt, wie Donald Trump eine junge Frau drängte, einen Bikini aus seinem privaten Fundus anzuziehen.

(15.05.2016)

Direkt darunter, im selben Artikel, bietet sie dem geneigten Leser* konkrete Anregung, den eigenen Bikini-Fundus aufzufüllen. Wer weiß, wann das nächste junge Model hereinschneit. Mann will ja vorbereitet sein.

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Falls da ein Plan dahinter stecken sollte, können wir in Zukunft wohl mit ähnlichen Service-Angeboten rechnen. Die Gelegenheit, Dirndl-Werbung bei #aufschrei-Beiträgen zu schalten, ist zwar vorbei, aber es wird noch genügend Möglichkeiten geben, etwa Berichte über Amokläufe und andere Gräueltaten mit Werbung für Schusswaffen zu garnieren. Das hätte sogar etwas Subversives.

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* …der keineswegs zuvor nach Zweiteilern gegoogelt hat…

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Auterrorisierung

Martin Sonneborn schickt eine Interview-Anfrage an die Deutsche Bank. Er möchte über Macht, Finanzkrise, Hedgefonds, Millionengehälter der Bänker sprechen. Die Bank schickt ihm gleich das ganze Interview mit allen Antworten. Allerdings auf ganz andere Fragen.

Genialerweise fragt Sonneborn nun nicht investigativ nach, sondern geht hin und und realisiert das vorgeschriebene Interview Wort für Wort mit dem Kommunikationsmitarbeiter der Bank. Sagt vor, wenn der den Text nicht wörtlich bringt, spricht mit, wenn er ihn bringt. Zum Brüllen komisch. Aber nicht nur.

Man könnte sagen, ein Unternehmenskommunikator, der sich selbst interviewt, nimmt das „kommun“, das Gemeinsame, aus der Kommunikation. Allerdings kommuniziert er ja doch, wenn auch auf einer impliziten Ebene: Spiele mit bei meiner Simulation, sonst bekommst du gar kein Interview mit meinem begehrten Unternehmen.

Unter dem Titel „Wir alle spielen Theater“ hat Erving Goffman beschrieben, wie Menschen fortwährend versuchen, den Eindruck, den sie auf andere machen, in ihrem Sinne zu kontrollieren. Die Sozialpsychologie hat das in einem ganzen Forschungsgebiet „Impression Management“ belegt. Dass Unternehmen ihr Bild in der Öffentlichkeit zielgerichtet steuern wollen, ist selbstverständlich und professionell. Dass dabei Grenzüberschreitungen nicht nur arrogant, sondern dumm weil kontraproduktiv sind, zeigt die vorgeschriebene Interview-Simulation der DB.

So absurd das Ergebnis ist, es steht doch auch für einen allgemeinen Trend. Journalisten leiden zunehmend unter einem Autorisierungswahn. Nicht nur Unternehmen, auch Politiker, Agenten der A-, B- und C-Promis, selbst Privatpersonen scheinen regelmäßig sich am liebsten selbst interviewen zu wollen. Die wenig souveräne Inszenierung beginnt beim Diktat der zugelassenen Fragen, setzt sich fort mit einem Aufpasser bei der mündlichen Darbietung, um dann post festum zuverlässig in einer Zurechtschreibung des tatsächlich Gesagten zu enden. Die Journalisten mühen sich nach Kräften, dem zu widerstehen, doch der Druck ist da.

Das bisschen was ich lese, schreibe ich mir selbst.
Soll Tucholsky geschrieben haben. Überprüfen kann ich das nicht. Ich lese ja nur Selbstgeschriebenes.

 

Mein anonymer Freund

ein freund

„Ein Freund“
So wurden früher Erpresserbriefe unterschrieben…
Musik-Tipp:
Ron Sexsmith „Imaginary friends“
„Imaginary friends / They will always let you down / And when all the good times end / You won’t be seeing them around…

Finanzbrache

Dieses Wort begegnet mir in letzter Zeit so häufig, dass mir Zweifel kommen, ob es sich um bloße Tippfehler handelt.
Vielleicht hat ja die derzeit starke Verwendung des ersten Parts „Finanz“ die „n“-Tasten derart strapaziert, dass diese im zweiten Teil schon einmal schlappmachen können. Bedenklicher wäre eine semantische Interpretation, die in „Finanzbrache“ eine Art Freud’schen Versprecher sieht. Dabei enthüllte das herausgerutschte Wort, dass man, allen offiziellen Beteuerungen zum Trotz, die ganze Branche innerlich längst aufgegeben habe.

FAZ endlich Vorreiter bei Rechtschreibung!

Die FAZ meldet exklusiv die geplante Anpassung der deutschen Rechtschreibung an globale Gegebenheiten:
Internationale Anforderungen
Selbstverständlich im Innovationsressort „Technik & Motor“.

Wir waren aber auch nicht untätig und haben uns Gedanken zu möglichen
Einsparungen bei der Rechtschreibung gemacht:

d nst rchtschrbrfrm
rmglcht grß nsprngn
gntr grss lst mn jtzt
drßg przt schnllr
nr mrcl rch-rnck
blbt mndlch wtrhn shr lng

Wer das lesen kann…

… ist zu jung.
wer kauft heute noch cds?
alte leute mit leseschwachen augen.
was macht die gebeutelte cd-industrie?
cd-covers und booklets mit so kleinen schriften, dass selbst junge sie kaum lesen könnten. wenn sie denn cds kauften.
wer hat ein interesse an diesen kleinen schriften?
die alten käufer? nein.
die cd-verkäufer? kaum.
unfähige typografen? mhm.
nein, es ist…
die lesebrillenindustrie!
die erste etwas größer geschriebene zeile in obigem beispiel lautet übrigens:
GIVE IT UP