Christo kam nur bis San Paolo

Ein Waffenhersteller hat Christo den Fußweg über einen italienischen See ermöglicht. Wenn sich alle europäischen Waffenhersteller engagierten, könnte man floating piers auch über das Mittelmeer legen. Zweispurig. Auf der Spur nach Süden könnten die Waffen reisen, auf der Spur nach Norden die Menschen.

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Achtzehnhundertunderfroren

Dauerregen, Sturzbäche, Überschwemmungen. Kein schöner Sommer in im Jahr 2016. Genau zweihundert Jahre früher hätte man für eine solche Saison Dankesgebete gen Himmel geschickt.

Im Jahr 1816 gab es in Nordamerika und Europa starke Schneefälle in allen Sommermonaten. In New York fielen erfrorene Vögel von den Bäumen. Im Juni. „Eighteenhundred and frozen to death“ nannte man das Jahr in Amerika, „Achtzehnhundertunderfroren“ in Deutschland. Zur Kälte kamen Hagel, schwere Regenfälle, katastrophale Überschwemmungen. Die entsprechenden Missernten führten zur Explosion der Getreidepreise und zu lange anhaltenden Hungersnöten in großen Teilen Europas und Amerikas.

Die Ursache fand man erst 1920 heraus: Der gewaltige Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815 hatte nicht nur verheerende regionale Konsequenzen mit Zehntausenden von Toten. Die enorme Aschewolke verdeckte die Sonne auch in Teilen des Westens, mit den genannten gravierenden Folgen.

Historiker führen zahlreiche bedeutende Entwicklungen des Neunzehnten Jahrhunderts direkt oder indirekt auf dieses „Jahr ohne Sommer“ zurück: Soziale Unruhen, Auswanderungswellen, aber auch Gegenmaßnahmen wie soziale Hilfseinrichtungen. Justus von Liebig wurde zur Entwicklung des Mineraldüngers angeregt, Tulla und seine Auftraggeber zur Begradigung des Rheines. So hat der Kampf gegen die großen Überschwemmungen von 1816 den Rhein in das enge Bett gezwungen, dem wir heute unser  – vergleichsweise glimpfliches – Hochwasser verdanken.

Erfreulichere Nebenwirkungen verzeichnet der Historiker Wolfgang Behringer im künstlerischen Bereich. So soll der Maler William Turner zu seinen farbintensiven prä-impressionistischen Landschaftsbildern auch von den damals bezeugten besonderen Sonnenuntergängen angeregt worden sein. Die im Vulkanstaub gebrochenen Sonnenstrahlen ergaben wohl außerordentliche Farbschattierungen. Mary Shelley soll ihren Frankenstein geschrieben haben, weil das andauernd schlechte Wetter sie und ihre Literatenfreunde im Haus gehalten habe, wo sie sich die Zeit mit dem Erfinden von Schauergeschichten vertrieben haben.

Zweihundert Jahre später können wir noch auf besseres Wetter hoffen. Und Christo hat für seine Überwasserlaufkunst wohl keinen katastrophalen Impuls gebraucht.