Stunde der Konjunktivisten

„Stunde der Amateure
Nichts gelernt, und auch noch stolz darauf

Immer mehr Menschen glauben, sie wären die besseren Journalisten oder Politiker – dabei beherrschen sie nicht einmal den Konjunktiv. Das Land braucht wieder ein gesundes Elitebewusstsein.
Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/amateure-nichts-gelernt-und-stolz-darauf-kolumne-fleischhauer-a-1115904.html

Ein Journalist kritisiert die Amateure wegen ihrer mangelnden Konjunktiv-Kompetenz und beginnt seinen Text selbst mit einem falschen Konjunktiv. Hätte man sich kaum ausdenken können.

Dabei hatte schon der Ex-Spiegel-Korrektor Sick ausführlich den Unterschied zwischen Konjunktiv I und II erläutert.

Bloße Besserwisserei in Sprachfragen ist ja doof, und das „wäre“ hätte normalerweise kaum jemanden gestört. Aber wenn einer so deutlich auf andere zeigt, scheint der Hinweis auf die eigene Nase doch angebracht.

Und die Überschriftenabteilung hatte auch noch ein altes Komma übrig.

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Auterrorisierung

Martin Sonneborn schickt eine Interview-Anfrage an die Deutsche Bank. Er möchte über Macht, Finanzkrise, Hedgefonds, Millionengehälter der Bänker sprechen. Die Bank schickt ihm gleich das ganze Interview mit allen Antworten. Allerdings auf ganz andere Fragen.

Genialerweise fragt Sonneborn nun nicht investigativ nach, sondern geht hin und und realisiert das vorgeschriebene Interview Wort für Wort mit dem Kommunikationsmitarbeiter der Bank. Sagt vor, wenn der den Text nicht wörtlich bringt, spricht mit, wenn er ihn bringt. Zum Brüllen komisch. Aber nicht nur.

Man könnte sagen, ein Unternehmenskommunikator, der sich selbst interviewt, nimmt das „kommun“, das Gemeinsame, aus der Kommunikation. Allerdings kommuniziert er ja doch, wenn auch auf einer impliziten Ebene: Spiele mit bei meiner Simulation, sonst bekommst du gar kein Interview mit meinem begehrten Unternehmen.

Unter dem Titel „Wir alle spielen Theater“ hat Erving Goffman beschrieben, wie Menschen fortwährend versuchen, den Eindruck, den sie auf andere machen, in ihrem Sinne zu kontrollieren. Die Sozialpsychologie hat das in einem ganzen Forschungsgebiet „Impression Management“ belegt. Dass Unternehmen ihr Bild in der Öffentlichkeit zielgerichtet steuern wollen, ist selbstverständlich und professionell. Dass dabei Grenzüberschreitungen nicht nur arrogant, sondern dumm weil kontraproduktiv sind, zeigt die vorgeschriebene Interview-Simulation der DB.

So absurd das Ergebnis ist, es steht doch auch für einen allgemeinen Trend. Journalisten leiden zunehmend unter einem Autorisierungswahn. Nicht nur Unternehmen, auch Politiker, Agenten der A-, B- und C-Promis, selbst Privatpersonen scheinen regelmäßig sich am liebsten selbst interviewen zu wollen. Die wenig souveräne Inszenierung beginnt beim Diktat der zugelassenen Fragen, setzt sich fort mit einem Aufpasser bei der mündlichen Darbietung, um dann post festum zuverlässig in einer Zurechtschreibung des tatsächlich Gesagten zu enden. Die Journalisten mühen sich nach Kräften, dem zu widerstehen, doch der Druck ist da.

Das bisschen was ich lese, schreibe ich mir selbst.
Soll Tucholsky geschrieben haben. Überprüfen kann ich das nicht. Ich lese ja nur Selbstgeschriebenes.

 

Mockumentary

„Einige Forscher glauben…“.
Eine der gängigen Phrasen in TV-Surrogat-Dokumentationen. Allerdings:
1. Forscher glauben nicht. Sie denken oder stellen Hypothesen auf.
2. Werden dabei als Beleg kaum echte Forscher präsentiert sondern gerne Amateure, die öffentlich wissenschaftlich nicht haltbare Thesen präsentieren. Die echten Wissenschaftler werden dann für einen kleinen Teilaspekt zitiert und so indirekt zur Stützung der abstrusen These missbraucht. Untertitel („Autor von…“) verwischen überdies die Unterschiede zwischen seriösen und weniger seriösen Quellen.
In der Regel ist die Phrase eine Übersetzung aus dem Englischen. Wobei die Übersetzung von „some“ in „einige“ wohl eine größere Zahl als die Alternative „manche“ suggeriert. Inzwischen scheint die Formulierung auch in deutschen Produktionen etabliert zu sein.