Infra-normal

Paris_VI_place_Saint-Sulpice

Quelle: wikimedia

Paris, 18. Oktober 1974. Der Schriftsteller Georges Perec sitzt an der Place Saint-Sulpice und notiert, was geschieht, wenn nichts geschieht. Drei Tage lang.

Ein Reisebus, leer. Ein Frisé, der aus einem Einkaufskorb lugt.  Die Buchstaben KLM auf einer Tasche. Alle Ziffern auf dem Platz. Alle Gesten. Perec notiert, was er anderswo „infra-ordinaire“ nennt. Das was unterhalb unserer gewöhnlichen Wahrnehmung liegt.

Vierzig Jahre später setzt sich die Radiojournalistin Nicole Paulsen mit einer Freundin an denselben Platz, um das Experiment zu wiederholen. Wie Perec notieren sie penibel, was sich ereignet, wenn sich nichts ereignet. „Ein junger Mann, kariertes Jackett, Schiebermütze, er fotografiert, liest ein Buch und schaut wieder auf den Platz. Literaturstudent?“ Das Buch ist von Perec. Der junge Mann wiederholt Perecs Bestandsaufnahme ebenso wie die beiden Frauen. Wie auch ein blonder junger Mann mit Moleskine, eine rotblonde Frau mit Kuli und Fotoapparat, eine „Frau im schwarzen Trench mit Macbook, Aufnahmegerät und Camcorder“, eine …

Alle sitzen an der Place Saint-Sulpice und beobachten einander, wie sie einander beobachten. Nur wegen Georges Perec.

So hat Perec, der nur beobachteten wollte, was sich ereignet, wenn sich nichts ereignet, doch noch ein Ereignis geschaffen.

Christo kam nur bis San Paolo

Ein Waffenhersteller hat Christo den Fußweg über einen italienischen See ermöglicht. Wenn sich alle europäischen Waffenhersteller engagierten, könnte man floating piers auch über das Mittelmeer legen. Zweispurig. Auf der Spur nach Süden könnten die Waffen reisen, auf der Spur nach Norden die Menschen.

Achtzehnhundertunderfroren

Dauerregen, Sturzbäche, Überschwemmungen. Kein schöner Sommer in im Jahr 2016. Genau zweihundert Jahre früher hätte man für eine solche Saison Dankesgebete gen Himmel geschickt.

Im Jahr 1816 gab es in Nordamerika und Europa starke Schneefälle in allen Sommermonaten. In New York fielen erfrorene Vögel von den Bäumen. Im Juni. „Eighteenhundred and frozen to death“ nannte man das Jahr in Amerika, „Achtzehnhundertunderfroren“ in Deutschland. Zur Kälte kamen Hagel, schwere Regenfälle, katastrophale Überschwemmungen. Die entsprechenden Missernten führten zur Explosion der Getreidepreise und zu lange anhaltenden Hungersnöten in großen Teilen Europas und Amerikas.

Die Ursache fand man erst 1920 heraus: Der gewaltige Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815 hatte nicht nur verheerende regionale Konsequenzen mit Zehntausenden von Toten. Die enorme Aschewolke verdeckte die Sonne auch in Teilen des Westens, mit den genannten gravierenden Folgen.

Historiker führen zahlreiche bedeutende Entwicklungen des Neunzehnten Jahrhunderts direkt oder indirekt auf dieses „Jahr ohne Sommer“ zurück: Soziale Unruhen, Auswanderungswellen, aber auch Gegenmaßnahmen wie soziale Hilfseinrichtungen. Justus von Liebig wurde zur Entwicklung des Mineraldüngers angeregt, Tulla und seine Auftraggeber zur Begradigung des Rheines. So hat der Kampf gegen die großen Überschwemmungen von 1816 den Rhein in das enge Bett gezwungen, dem wir heute unser  – vergleichsweise glimpfliches – Hochwasser verdanken.

Erfreulichere Nebenwirkungen verzeichnet der Historiker Wolfgang Behringer im künstlerischen Bereich. So soll der Maler William Turner zu seinen farbintensiven prä-impressionistischen Landschaftsbildern auch von den damals bezeugten besonderen Sonnenuntergängen angeregt worden sein. Die im Vulkanstaub gebrochenen Sonnenstrahlen ergaben wohl außerordentliche Farbschattierungen. Mary Shelley soll ihren Frankenstein geschrieben haben, weil das andauernd schlechte Wetter sie und ihre Literatenfreunde im Haus gehalten habe, wo sie sich die Zeit mit dem Erfinden von Schauergeschichten vertrieben haben.

Zweihundert Jahre später können wir noch auf besseres Wetter hoffen. Und Christo hat für seine Überwasserlaufkunst wohl keinen katastrophalen Impuls gebraucht.

 

Sign o’ the Times

Die New York Times enthüllt, wie Donald Trump eine junge Frau drängte, einen Bikini aus seinem privaten Fundus anzuziehen.

(15.05.2016)

Direkt darunter, im selben Artikel, bietet sie dem geneigten Leser* konkrete Anregung, den eigenen Bikini-Fundus aufzufüllen. Wer weiß, wann das nächste junge Model hereinschneit. Mann will ja vorbereitet sein.

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Falls da ein Plan dahinter stecken sollte, können wir in Zukunft wohl mit ähnlichen Service-Angeboten rechnen. Die Gelegenheit, Dirndl-Werbung bei #aufschrei-Beiträgen zu schalten, ist zwar vorbei, aber es wird noch genügend Möglichkeiten geben, etwa Berichte über Amokläufe und andere Gräueltaten mit Werbung für Schusswaffen zu garnieren. Das hätte sogar etwas Subversives.

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* …der keineswegs zuvor nach Zweiteilern gegoogelt hat…

Brief|kas|ten

Man könnte meinen, das Wort Briefkasten müsste man wie schon Rohrpost oder Telegramm zu den aussterbenden Wörtern zählen.

Aber nein, auch im Zeitalter der digitalen Kommunikation kann sich ein Briefkasten noch bezahlt machen. Nur bei mir zuhause nicht.

Begleitmusik:

I’m gonna sit right down and write myself a letter and make believe it came from…