Sign o’ the Times

Die New York Times enthüllt, wie Donald Trump eine junge Frau drängte, einen Bikini aus seinem privaten Fundus anzuziehen.

(15.05.2016)

Direkt darunter, im selben Artikel, bietet sie dem geneigten Leser* konkrete Anregung, den eigenen Bikini-Fundus aufzufüllen. Wer weiß, wann das nächste junge Model hereinschneit. Mann will ja vorbereitet sein.

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Falls da ein Plan dahinter stecken sollte, können wir in Zukunft wohl mit ähnlichen Service-Angeboten rechnen. Die Gelegenheit, Dirndl-Werbung bei #aufschrei-Beiträgen zu schalten, ist zwar vorbei, aber es wird noch genügend Möglichkeiten geben, etwa Berichte über Amokläufe und andere Gräueltaten mit Werbung für Schusswaffen zu garnieren. Das hätte sogar etwas Subversives.

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* …der keineswegs zuvor nach Zweiteilern gegoogelt hat…

Brief|kas|ten

Man könnte meinen, das Wort Briefkasten müsste man wie schon Rohrpost oder Telegramm zu den aussterbenden Wörtern zählen.

Aber nein, auch im Zeitalter der digitalen Kommunikation kann sich ein Briefkasten noch bezahlt machen. Nur bei mir zuhause nicht.

Begleitmusik:

I’m gonna sit right down and write myself a letter and make believe it came from…

 

-ling und Flüchtling

In der Diskussion um das Wort Flüchtling wird nicht selten behauptet, das Wort sei wegen der Silbe -ling grundsätzlich verkleinernd (diminutiv) oder abwertend (pejorativ).

Das stimmt so nicht. Das Suffix –ling charakterisiert eine Person oder Sache durch den vorangestellten Wortstamm. Die Bedeutung kann dabei durchaus unterschiedliche Richtungen annehmen. Beispiele wie Rohling oder Häftling zeigen, dass das keinesfalls stets verkleinernd sein muss. Beispiele wie Zwilling oder Liebling belegen, dass das auch nicht abwertend  sein muss.

Flüchtling kann, aber muss nicht pejorativ oder diminutiv verwendet und verstanden werden.  An der Silbe -ling alleine liegt es nicht. Im Zweifelsfall hilft eine empirische Untersuchung bei definierten Gruppen, die durchaus unterschiedliche Assoziationen haben mögen.

Wenig beachtet wird hingegen das „Dispositionale“ an dem Wort Flüchtling. Das Flüchtling-Sein wird der Person als (eher dauerhafte) Eigenschaft zugeschrieben. Das könnte zur Folge haben, dass man sich eine Loslösung von diesem Status nicht so leicht vorstellt.  Im Gegensatz dazu betont das Wort Geflüchtete(r) eher das „Behaviorale“, das heißt ein Verhalten in der Vergangenheit. Die Person ist geflüchtet, eine dauerhafte Eigenschaft ist hier nicht betont, die Frage „Was nun?“  scheint offener.

Doch letzten Endes geht es darum, was die Menschen mit einem Wort verbinden. Ludwig Wittgenstein hat ja schon geschrieben „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“. Psychologen würden sagen „Die Bedeutung eines Wortes ist das, was die Menschen in der Lebenswelt damit verbinden.“

Erbsen gezählt.

Mehr als nur das längste Palindrom – Der Schriftsteller Georges Perec, geb. 7.3.1936

Perec

cc Parisette

Georges Perec hat das vermutlich längste Palindrom der Welt verfasst, einen Text aus 1247 Wörtern, der sich vorwärts wie rückwärts buchstäblich identisch liest. Auch wenn die literarische Qualität dieses bedeutenden französischen Autors weit über solche Kabinettstücke hinausgeht, sind sie doch auch typisch für sein Werk.

Als Mitglied von Raimond Queneaus literarischer Gruppe Oulipo („Werkstatt für Potentielle Literatur“) unterwarf er seine Werke häufig strengen formalen Zwängen. So kommt der längere Roman „La Disparation“ („Anton Voyls Fortgang“) komplett ohne den häufigsten Buchstaben, nämlich das „e“ aus. Eine Herausforderung auch für den deutschen Übersetzer, der es ihm gleich tun musste.

Besonders komplex ist die Konstruktion seines Hauptwerkes „La Vie  mode d‘ emploi“ („Das Leben eine Gebrauchsanweisung“). Hier erzählt er die Geschichte eines großen Pariser Hauses, indem er wie der Springer beim Schach von einer Wohnung zur nächsten wechselt und so eine Vielzahl unterschiedlicher Geschichten verknüpft. Im Mittelpunkt steht allerdings ein Bewohner mit einem strengen Lebensplan. Erst lernt er zehn Jahre Aquarellmalerei. Dann geht er zwanzig Jahre auf Weltreise. Dabei malt er fünfhundert Hafenansichten und lässt sie von einem Puzzle-Hersteller zersägen. Wieder zuhause setzt er die Puzzles zusammen und lässt das Holz hinter dem Papierbild entfernen. Schließlich wird jedes Aquarell genau zwanzig Jahre nach seiner Entstehung wieder im Wasser seines Ursprungshafens aufgelöst. Übrig bleibt nur das Papier, das wieder nach Paris geschickt wird. Der  Plan geht nicht ganz auf, unter anderem, weil der Puzzler zu früh stirbt.

Zu früh gestorben ist auch Georges Perec, nämlich 1982 mit erst sechsundvierzig Jahren. Am 7.März 2016 wäre er achtzig Jahre alt geworden.

Der Verlag Diaphanes bringt etliche Werke Perecs in einem schönen kleinen Format auf Deutsch heraus.Unter anderem auch das autobiografische „W oder die Kindheitserinnerung“, das Holocaust und Kinderfantasien, Reales und Erzählkunst auf berührende Weise zusammenführt.

Mörderische Gebrauchsanleitung

„Gruß aus der Pfalz, aber allein trinken und mit Genuss.“

Diese Anleitung enthält wesentliche Elemente einer guten Gebrauchsanleitung: Eine Einleitung, die eine Beziehung zum Verwender aufbaut, einen Sicherheitshinweis und Verwendungstipps.

Bei näherer Betrachtung finden sich allerdings schwere Verstöße gegen das „Geräte- und Produktsicherheitsgesetz“, das EU-konforme Anleitungen sicherstellen soll. Zu ungenau, nicht normgerecht, nicht haftungssicher.

Die Verfasser dieser Anleitung, Christel Müller und Wilhelm Leinauer, wurden zu jeweils 15 Jahren Haft verurteilt. Zu hart für eine fehlerhafte Gebrauchsanleitung? Normalerweise ja, das Urteil erging allerdings wegen versuchten Mordes und fahrlässiger Tötung.

Im Jahr 1967 schickten die beiden anonym ein Paket mit einem Krug Enzianschnaps und beiliegender Erläuterung an den Gatten der Christel Müller, der in einer anderen Stadt einen Lehrgang absolvierte. Der Schnaps war mit einer mehr als tödlichen Dosis Blausäure versetzt. Zwar hatten die beiden darauf hingewiesen, dass das Gift alleine zu trinken sei, doch – wie manch anderer Texter auch – die Verwenderrealität nicht bedacht. Denn der Gatte Müller mochte gar keinen Enzianschnaps und spendierte diesen seinem erkälteten Stubenkameraden Blumoser. Er selbst nippte wohl nur ein wenig. Blumoser starb, während das avisierte Opfer überlebte.

Der „Enzianmord“, ein Mordversuch per Anleitung zur Selbsttötung.

Und die Inschrift auf dem Krüglein erscheint nun auch in einem anderen Licht:
„Da in dem Flaschen steckt Gsundheit und Fidelität. Wer’s hat, braucht koan Baderwaschl, Apotheka und Dokta net.“ Braucht er net mehr.